Grönland fasziniert mich schon seit vielen Jahren. Wer mich besser kennt, weiss, wie sehr mich dieses Land mit seiner Weite, seiner rauen Natur und seiner einzigartigen Kultur und Geschichte in den Bann zieht – umso mehr habe ich mich auf meinen Besuch im Nordamerika Native Museum in Zürich gefreut.


Im Fokus meines Besuchs stand die Sonderausstellung «An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland», die noch bis zum 28. Juni 2026 zu sehen ist. Schon beim Betreten der Ausstellung wurde mir klar, dass mich hier nicht einfach eine klassische Fotopräsentation erwartet, sondern eine eindrückliche Auseinandersetzung mit einem Leben am Rand des Eises – und mit einer Welt, die sich rasant verändert.
Eine fotografische Langzeitbeobachtung im hohen Norden
Seit drei Jahrzehnten reist der Fotograf Markus Bühler nach Qaanaaq im nördlichsten Teil Grönlands. In einer Region, in der die Uhren anders ticken und das Leben stark vom Wetter und der Natur bestimmt wird, hat er über viele Jahre hinweg die Inuit fotografisch begleitet.
Seine Bilder zeigen weite Schneelandschaften, Jäger auf dem Eis, stille Momente im Familienalltag. Gleichzeitig wird sichtbar, wie verletzlich dieses Leben geworden ist. Die Spuren des Klimawandels sind unübersehbar. Das Eis wird dünner, die Bedingungen unsicherer, die Jagd schwieriger planbar. Was über Generationen selbstverständlich war, steht heute zunehmend unter Druck.




Gerade diese Langfristigkeit der fotografischen Arbeit verleiht der Ausstellung eine besondere Tiefe. Über dreizehn Reisen hinweg ist beinahe eine Chronik des Wandels entstanden – nicht laut und spektakulär, sondern ruhig, respektvoll und nah an den Menschen.
Zwischen Tradition und Moderne
In der Ausstellung wurde für mich sehr deutlich spürbar, wie stark diese Welt im Umbruch steht. Die traditionelle Lebensweise der Inuit in den abgelegenen Dörfern – weit entfernt von der Hauptstadt Nuuk – ist zunehmend gefährdet. Während sich die Welt rasant weiterentwickelt, wächst gleichzeitig das Risiko, dass diese Randregionen abgehängt werden.
Besonders eindrücklich fand ich die Situation der jungen Einwohnerinnen und Einwohner. Sie stehen zwischen zwei Welten und müssen sich immer wieder neu positionieren: zwischen überlieferten Traditionen und modernen Einflüssen, zwischen Jagd auf dem Eis und global vernetzter Gegenwart. Diese Spannung zwischen Bewahren und Verändern durchzieht die gesamte Ausstellung und macht sie so aktuell.



Zwei Väter, zwei Söhne – vier Perspektiven
Ein weiterer berührender Aspekt ist die Zusammenarbeit zwischen Markus Bühler und seinem Sohn, dem Nachwuchsfilmer Nils Bühler. Gemeinsam dokumentieren sie, wie Aleqatsiaq Peary seinem Sohn Jonas das Überleben auf dem Eis beibringt.
Zwei Väter, zwei Söhne, vier Blickwinkel auf eine Welt im Wandel. Es geht um Weitergabe von Wissen, um Verantwortung und um die Frage, was bleibt, wenn sich äussere Bedingungen verändern. Dieser generationenübergreifende Dialog hat mich besonders bewegt, weil er zeigt, dass Kultur nicht statisch ist, sondern gelebt und weitergegeben werden muss.
Wie blicken wir auf diese Bilder?
Ich habe mir beim Rundgang immer wieder die Frage gestellt, wie wir als Aussenstehende auf solche Bilder blicken. Sehen wir eine ferne, exotische Welt? Oder erkennen wir universelle Themen wie Familie, Identität, Wandel und Verantwortung? Durch meine eigenen Reisen nach Grönland konnte ich mir vieles konkreter vorstellen. Ich habe Landschaften, Stimmungen und Begegnungen vor Augen, die mir helfen, die Fotografien nicht nur als ästhetische Arbeiten zu betrachten, sondern als reale Lebenssituationen von Menschen, deren Alltag ich zumindest in Ansätzen kennengelernt habe.




Gerade in einer Zeit, in der Klimawandel oft abstrakt diskutiert wird, schaffen diese Bilder eine emotionale Verbindung. Sie zeigen nicht nur schmelzendes Eis, sondern Menschen, deren Lebensgrundlage sich verändert – und die dennoch versuchen, ihre Identität zu bewahren.
Das Nordamerika Native Museum in Zürich
Das Nordamerika Native Museum (NONAM) in Zürich widmet sich den indigenen Kulturen Nordamerikas. In der Sammlungsausstellung führt der Museumsparcours durch die Plains und Prärien, das nordöstliche Waldland und die Subarktis bis hinauf in die Arktis, entlang der Nordwestküste und weiter in den Südwesten der USA. Die Ausstellung gibt Einblick in unterschiedliche Lebensbedingungen, Kunstformen und kulturelle Ausdrucksweisen – früher und heute.
In wechselnden Sonderausstellungen greift das NONAM aktuelle Themen auf und bietet auch Einblicke in das heutige Leben im Indigenen Nordamerika. Dabei setzt das Museum vermehrt Akzente im Bereich zeitgenössischer Werke und engagiert sich für die Förderung indigener Künstlerinnen und Künstler.




Fazit
Mein Besuch im Nordamerika Native Museum hat mich erneut darin bestärkt, wie kraftvoll Fotografie als dokumentarisches und verbindendes Medium sein kann. «An der Eiskante» ist weit mehr als eine Ausstellung über Grönland – sie ist eine ruhige, eindringliche Auseinandersetzung mit Identität, Verantwortung und einer Welt im Wandel.
Wenn dich Grönland, indigene Kulturen oder dokumentarische Fotografie interessieren, lohnt sich ein Besuch dieser Ausstellung ganz besonders. Sie lädt bis zum 28. Juni 2026 dazu ein, hinzuschauen, nachzudenken und sich mit Themen auseinanderzusetzen, die weit über den hohen Norden hinausreichen.
Weitere Informationen zur Sonderausstellung:
https://www.buehler-fotograf.ch
https://www.stadt-zuerich.ch/nonam/de/ausstellungen/sonderausstellung.html
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